Das ist Erfurter Stadtliga! Heute treffen vier Urgesteine der hiesigen Petanqueszene aufeinander, sie kennen jedes Muskelzucken der anderen, jeder Blick, jede Regung offenbart dem Gegenüber den Gemütszustand. So oft kreuzten diese vier gestandenen Boulist:innen in allen möglichen Konstellationen bereits ihre Kugeln. Mit Blick auf die Paarung ist eines schon vor Spielbeginn sicher, heute erwarten wir ein wortwörtliches Freundschaftsspiel und wie in jeder gesunden Freundschaft wird das Herz auf der Zunge getragen werden.
Um den besonderen Geist dieser Partie aufzusaugen, begaben wir uns etliche Minuten vor Spielbeginn zum Spielort. DOUBLiCiOUS ist bereits spielbereit zugegen, die Kugeln liegen am Boden und kommen auf Temperatur, die Spieler haben eine Parkbank mit Spirituosen garniert und harren der Dinge, die da kommen mögen. Was folgt, erinnert an die Fußball WM 1994 als Lothar Matthäus den Boulevardmagazinen die Aufstellung schon zusteckte, bevor Bundesberti die Magnettafel aufgebaut hatte. DOUBLiCiOUS breitete ihre Spieltaktik hemmungslos vor uns aus, aufgrund des Gebots der journalistischen Unbefangenheit werden wir ausdrücklich nicht weiter darauf eingehen, nur so viel: die Aufstellung wurde ausgeschossen.
Zeit den Rahmen zu stecken. Die Anzeige Mitte der Magdeburger Allee zeigt 22:86 Uhr bei 29°. Es ist eher ruhiger Verkehr an der Nord-Süd-Ader der Stadt. Die Sonne bescheint die gelbe Lutherkirche und unter weit ausladenden Baumkronen liegen Schwein und Kugeln. Erste Zaungäste treffen ein und auch Dumm und Döner gesellen sich hinzu. Weit aus dem tiefen Norden Erfurts kommt Jette, Trainingsgelände war lange der Nordbahnhof, bis er bedauerlicherweise entkiest wurde. Matze, mittlerweile übergesiedelt ins Boulemekka, DAS Leistungszentrum der Stadt, den Bouler Garten, trifft heute auf Tobi, welcher nun sein Boulewohnheimzimmernachbar ist. Ihm zur Seite steht Bruno, welcher aus dem südlichsten Standort vom Höhentrainingsplatz im Hirnzigenpark den weiten Weg auf sich genommen hat. Rein topographisch also ein klarer Vorteil für Dumm und Döner. Gerade bei Bruno macht sich die Mühsal extrem bemerkbar, neben kleinen Sprachticks "Ja wenn ihr so fragst" beim Thema Pastis, spielt auch der Körper verrückt und er muss vor Spielbeginn mal ganz kurz in die Ecke den Hals in den Finger stecken. Dann macht er es wie der Hund, der aus dem Wasser kommt, er schüttelt sich kurz und weiter geht's. Tobis trockener Kommentar zu dieser recht absonderlichen Situation: "Das ist wohl die Aufregung". Und aufgeregt sind wir alle! Denn nun geht's endlich los, alle haben einen Pastis in der Hand, das Photo ist gemacht. Die Platzwahl findet mittels einer Drehblättchenpackung statt und Jette holt routiniert den Sauwurf für Dumm und Döner. Hinterher sind sich alle Anwesenden einig, dass die erste Aufnahme die beste der gesamten Begegnung geblieben war. Hier entlud sich mit brachialer Urgewalt die Anspannung und fand den seltenen Katalysator »Leistung«.

Jette legt direkt press ans Schwein, Tobi schießt aus der Luft raus, Jette gleich wieder sehr nah. Tobi verschießt jetzt zwar eine, dafür aber mit der Dritten carreau mit Punkt. Matze unbeeindruckt ebenfalls carreau mit Punkt. Bruno glanzvoll schön davor, was Jette dazu bringt, eine etwas zu weit zu spielen, aber Matze hilft aus und zieht die Sau mit nach hinten für 2 gute Punkte. Bruno? Der schießt eine sauber raus, kommt mit der letzten nur knapp nicht besser und so gehen Dumm und Döner mit 1:0 in Front. Was folgt, ist ein erster Knackpunkt dieses Satzes, Matze vertändelt den Sauwurf und gibt damit die Platzwahl rüber zu DOUBLiCiOUS. Die beiden, bereits richtig eingespielt auf dem interessanten Kies des Kirchvorplatzes, wählen nun die 10 Meter Variante in die steinigste Ecke des Terrains. Jette ist direkt nicht begeistert und legt folglich auch viel zu kräftig hinter das Schwein. Bruno dann auch etwas zu lang, aber mit Punkt. Jette braucht dann beide, um besser zu legen, Tobi schießt die sicher raus. Matze souverän wieder auf Punkt. Tobi schießt und es kommt, wie es bei solch starken Lege-Battles und guten Schießeinlagen häufig kommt und es sich im Verlauf gerade dieses ersten Spiels noch vermehrt zeigen wird, die Sau fliegt davon. In diesem Fall zwar dann mit Punkt für Dumm und Döner, diese aber im Kugelnachteil. Bruno schafft einen schönen Punkt bei nun fast 12 Metern, Matze verlegt 2 zu kurz und nun haben DOUBLiCiOUS leichtes Spiel und gehen schlußendlich 1:3 in Führung.

Es folgen 2 Aufnahmen, bei denen die Schießer sehr enge Kugeln mit Sau schießen und für Neuaufnahmen sorgen. Das Spiel ist hart umkämpft. Die Eingespieltheit von DOUBLiCiOUS scheint aber einen leichten Vorteil auszumachen. Ein drittes Mal geht das Schwein nach einem tollen Schuss von Matze, dieses Mal bleibt es allerdings im Spiel und liegt zu Füßen der Zuschauenden. Für die drei Unbeteiligten hat sich der Ausflug schon jetzt gelohnt, wir sehen ein taktisch ausgeklügeltes Spiel zweier Topteams in bestechender Form. Die aktuelle Aufnahme mit riesiger Distanz und dem Schwein kurz vor dem Aus provoziert nun leider eine kleine Delle im Spiel von Dumm und Döner, die nach Brunos wunderbarer Kugel mehr oder weniger drei verlegen. Tobi kommt hingegen bestens zurecht und bringt alle 3 zum 1:7. Das tat weh und gerade Jette gerät nun doch arg ins Hadern mit ihrer Leistung. Das sorgt für Kopfschütteln beim fachkundigen Publikum und zeigt zugleich, welchen Anspruch diese Spitzenspieler:innen an ihr Spiel haben. Jette legt ihre Nächstmögliche wieder derart zwingend, dass Tobi das Schwein hinausbefördert. Das hat Jette leider nicht mit sich besänftigt, sie ringt so ihre eigentlich tolle Legeform nieder und verpasst es nun in den nächsten Aufnahmen, die nötige Konstanz zu halten. Da Tobi im Moment spätestens mit der Zweiten sicher trifft und Bruno schlafwandlerisch eine nahe Kugel nach der anderen legt, bedarf es aller Kugeln, um hier dagegen halten zu können. Matze wehrt sich nach Kräften und macht es dem Gegner sicher nicht leicht, DOUBLiCiOUS ist in dieser Phase aber einfach auf der Welle unterwegs und so steht es nach durchaus spannenden Aufnahmen 1:8, 1:10. Hier legen die Teams unisono eine Trinkpause ein. Die anhaltende Hitze fordert ihren Tribut. Ein Pastis für alle und frisches Bier sollten dann aber Abhilfe schaffen und gestärkt geht es weiter.
Bruno unbeirrt, Jette gut, aber drei Mal nicht besser, Matze verteilt seine drei noch ein wenig und auf einmal ist die Chance auf die 13 da! Das kam überraschend. Jette fragt Matze ungläubig, ob er seine Kugeln gerade weggeworfen hat.
DOUBLiCiOUS entscheiden sich für den Sauschuss, seine zwei Versuche haut Tobi aber doch sehr unzuversichtlich ins Nichts. Bruno ist gerade in seinem ganz eigenen Spiel, uninteressiert an Schwächen anderer Boulespieler:innen, Gejammer und Gestöhne, legt er stoisch einen zweiten Punkt und zeigt Tobi den Weg. Dieser reißt sich zusammen und folgt der Anweisung seines Partners. 1:13.
Irgendwie wirken alle erleichtert. Das Ergebnis spiegelt das Spiel nur bedingt wider. Am Ende ist es wohl die konstante Erste von Bruno, die hier den Ausschlag gibt. Dumm und Döner nimmt das nicht zu schwer auf, hier zeigt sich wieder die Stärke, die von Erfahrung ausgeht. Jette fordert Matze zu verstärktem Alkoholkonsum auf, das wird eine längere Pause. Und während alle am Erzählen sind, schnappt sich Matze irgendwann raffiniert das Schwein, geht in den Kreis und wirft. DOUBLiCiOUS hat nicht einmal bemerkt, dass er so ein zweites Mal den Anwurf zu seinen Farben geholt hat. Dieser Schweinchenwurf verändert die Peripherie des Spiels. Es wird jetzt mit Gefälle Richtung Straße gespielt, ausgenommen zuschauerfreundlich. Und wie gespielt wird! Jette ist voll da, legt mit ihren drei Kugeln Bruno leer, obwohl Matze eine eigene zwischendurch geschossen hatte. Tobi hat allerdings noch drei Antworten auf der Hand, trifft zwei Schüsse, dabei einen auf Matzes unwahrscheinliche Slalomkugel an die Sau und schiebt noch Brunos Erste für zwei auf Punkt. 0:2. Wird das jetzt so weitergehen? Dumm und Döner eigentlich top im Spiel, allein es fehlt das Zählbare.

Von wegen! Nach einem rassigen Legerduell muss Tobi wiederholt schießen, dann geht das Schwein und der Punkt liegt für Dumm und Döner. Bruno auf einmal viel zu kurz und Matze absolut überragend für 4. Irre. Das 4:2 macht zunächst was mit DOUBLiCiOUS, es fühlt sich an, als ob ein Jugendlicher zum ersten Mal eine Idee von Sterblichkeit erfährt. Eine Verunsicherung schleicht sich ein. Bruno noch halbwegs da, aber bei weitem nicht mehr so zwingend. Tobis Kommentar in der nächsten Aufnahme bezeichnend für sein Spiel gerade: "Abgelocht". Mit noch 4 auf den Händen gelingt es den Dummen Dönern nicht, mehr als einen Punkt aus dieser Aufnahme zu ziehen, sehr schade für die beiden, die sich auch mächtig ärgern.
Der Schweinchenwurf wiederum sitzt jetzt bei Matze, das ist lehrbuchhaft. Die zwei nächsten Aufnahmen bieten ähnliches. Großartige Kugeln zur Sau, ebenso treffsichere Schießer. Viel Abwechslung, beide Teams auf Augenhöhe, die Punkte allerdings gehen zugunsten von DOUBLiCiOUS. 5:3, 5:5.
Dann kommt eine Sequenz, welche Erwähnung bedarf. Im Verlauf der Aufnahme legt Bruno seine Zweite etwas zu kurz und Tobi geht knurrig in den Kreis und haut die Kugel seines Kollegen sofort raus. Drastische Maßnahme. Bruno hingegen hat das Signal seines Schießers gleich verstanden und legt mit der Letzten press ans Schwein. Matze interessieren diese Prozesse nicht, er schießt Bruno unter großem Applaus raus und noch eine dazu. 7:5!
Dumm und Döner einfach stark, holen in der nächsten Aufnahme aber nur einen Punkt, nachdem Tobi zwei Mal verschossen hatte und für seine Legekugel noch etwas Spott seines Teamkollegen bekam. 4 Kugeln wurden hier wieder verschenkt, das hätte die Vorentscheidung sein können. Mit 8:5 geht es weiter, 8:6 nach Legeduellen, 8:8 nach einigen Fehlschüssen und 8:9 nach Schweinchengetreibe.
In der Abenddämmerung wird die Zielkugel jetzt von blau auf "Wo ist die rote Sau!?" gewechselt. Unter großem Bohei schießt Matze einen sauberen Carreau sur place auf Brunos Erste, es geht hin und her, Tobi verschießt dann einiges und fordert Bruno nun vehement auf, nur nicht zu kurz zu legen. Dieser macht dann natürlich was? Er legt viel zu kurz. Matze kann mit seinen beiden dann wieder nicht mehr draus machen und so ist es der Ausgleich zum 9:9.
Das Spiel wogt hin und her, als nächstes holt Dumm und Döner die Führung zurück, 10:9. Währenddessen schimmert ein rosa Himmel, die Straßenlaternen sind an und es sind nur noch 27°. Ein malerischer Krimi. Nun mit einem gelben Schwein.

Nachdem Bruno im "Schießspalt" ist und Tobi nicht nochmal von der Leine läßt, entspinnt sich die Schlüßelaufnahme der Begegnung. Das Spiel wird wahnsinnig eng, Jette hält den Punkt, Bruno hat im Prinzip alles drumherum vernagelt, aber Tobi zieht völlig übermotiviert das Schwein nach hinten und dazu ohne Punkt, der weiter bei Jettes liegt. Diese zaubert durch Brunos nun etwas entschärfte Wand eine Weitere dazu und Matze hat drei für die 13. Mit der Ersten zieht auch er wieder das Schwein ein Stück, sodass Tobi hinten auf einmal Punkt hat. Es liegt ein Schuss für Schluss. Den Schuss verhaut Matze mit dem ersten Versuch. Mit seiner letzten spielt er die legendärste Kugel der Partie, vielleicht des ganzen Spieltages. Er legt an 6 im Weg liegenden Kugeln press an die Sau, holt so den Punkt unfassbar stark zurück, verwirkt allerdings die Chance auf die 13. Jette: "unbelievable"!
Das war zugleich das Hallo-Moment für DOUBLiCiOUS. Über ein 11:11 mit einem nun wieder phantastischem Bruno geht es in die letzte Aufnahme der Partie. Wir können es vorwegnehmen, denn die Kraft und die Worte, die folgenden Ereignisse sachlich wiederzugeben, hat kein Bouleenthusiast und wir verlassen daher unsere Zuschauerrolle und sind nur noch Fans. Nach 186 (handgezählt) gespielten Kugeln und 16 Aufnahmen im zweiten Satz, nachdem alle Dumm und Döner Kugeln gespielt sind und Tobi 2 verhaut, schießt Bruno mit seiner letzten einen carreau sur place zum Sieg für DOUBLiCiOUS. Unter respektvollem Applaus des von diesem Spiel beeindruckten Publikums stehen abgekämpfte, aber glückliche Freund:innen in den letzten Lichtern der sich ergebenden Sonne, prosten sich zu und nehmen sich in die Arme.
Danke.