Es ist auf dem Papier der Kracher des 2. Spieltages, welcher hier gleich zur Eröffnung desselbigen herhält. Karma, vor diesem Spiel mit einem hart erkämpften 2:1 gegen das International Dreamteam, ein Thriller, der den Petanquebegeisterten unvergesslich bleiben wird, gegen die geteilten Spitzenreiter der Trainingsgruppe Erfurt. Diese Paarung verspricht hochklassige Aufnahmen und sollte nun auch für die Trainingsgruppe ein echter Härtetest sein.

Bei unwirtlichen Verhältnissen mit grauem Himmel, schmalen Temperaturen und frischem Wind, insgesamt einem Wetter, das nicht weiß, ob es kalt sein will, aber zu mehr keine Strahlkraft für irgendwas hat, reisen die Beteiligten hinaus auf das Brachengelände rund um den alten Güterbahnhof. Eine dystopische Kulisse, die eher einen postapokalyptischen Drogenumschlagpunkt vermuten läßt, als einen Bouleplatz. Insider wissen allerdings, dass hier das Team balle légère aus der Flasche gelassen wurde und es ist ihr hauseigener Platz, welcher hier heute in der Hoffnung auf ein neuerliches Kugelspektakel okkupiert wird.

Vorab ein kleiner Exkurs in Sachen Spielvorbereitung: Tom schießt und schiebt in einer Tour die Sau. Erstaunlicherweise war diese zu Spielbeginn um 18 Uhr aber noch immer auf dem Platz. Michel sitzt zusammengekauert mit Tuch und Kopfhörern in der hintersten Ecke und hört seinen Gangsterrap. Kathi spielt sich mit verschiedenen Kugeln ein. Ein kleines Verwirrspiel für den Gegner? Paul ist ewig nicht zu sehen und kommt eine Minute vor dem angesetzten Start, geht auf den Platz, stellt sich zum Gruppenbild und los geht´s. Die unterschiedlichen Herangehensweisen an dieses Highlightspiel spiegeln, wie es sich so oft im Petanque zeigt, die Unterschiedlichkeit der Menschen und wie leicht sie sich trotz aller Unterschiede in einer Sache vereinen können.

Michels Vorbereitung mit gut dosiertem Gangsterrap.
Michels Vorbereitung mit gut dosiertem Gangsterrap.

Das bei diesen Rahmenbedingungen zu erwarten spärliche Publikum freut sich über den Beginn, Stein schlägt Schere und das Karma hat ein erstes Mal zugeschlagen. Sie nutzen dann auch gleich ihre unbestrittene Stärke beim Schweinchenwurf und platzieren dieses perfekt für Kathi, welche erstmal eine Schöne legt. Paul holt die verpaßten Einwurfkugeln nach und verlegt zwei. Tom schießt dennoch und das mit Erfolg, aber Kathi spielt souverän wieder auf Punkt. Paul kontert jetzt elegant, aber Michel ist sofort da und schießt carreau. Tom, der eigentlich als Schießer erstmal nicht in die Hocke wollte, verlegt seine beiden und die Gelegenheit zur frühen Führung ist für Karma da. In der Situation reicht es schließlich für zwei feine Punkte. Ein Start, der Selbstvertrauen geben sollte. Doch es passiert abseits des Platzes etwas, von dem wir vermuten, dass es Einfluss auf das Momentum hatte. Anja, vom Team 13, steckt Kathi eine Kugel zu. Wer es bemerkte, raunt verwundert. Es stellt sich im weiteren Verlauf heraus, dass Kathi nun nicht mehr an der Taktik, verschiedene Kugeln zu spielen, festhält.

Tom aus der Hocke.
Tom aus der Hocke.

Als Folge davon legt sie die Erste so, dass nette Mitspielende noch sagen würden "Gute Länge". Paul dann ohne Mühe, Kathi jetzt verbessert und Tom verschießt gleich zwei. Paul aber mit aller Ruhe und nun auch auf dem Platz so richtig angekommen nochmal besser auf Punkt. Dies lädt wiederum Michel ein, zwei daneben zu hauen und da er es mit seiner Letzten noch eng macht, können Tom nach Schuss für Platz und Paul mit einem Loch für zwei nicht wirklich profitieren, nehmen aber ihren ersten Punkt auf die Anzeige, 2:1.

Paul nun mit einer Eins, wie wir sie im weiteren Spielverlauf noch häufiger genießen werden dürfen. Im Weg, davor und nah, aber nicht press. Das ist es vielleicht, was die Trainingsgruppe da Tag für Tag übt. Ist man in der Situation, mit solch einer Legekugel konfrontiert zu sein, braucht es eine*n stabile*n Schießer*in und das hat auch das Karma registriert und tauscht völlig überraschend sofort. Hatte das mit dem Kugelwechsel zu tun? Die Psychospielchen in so einer frühen Phase der Partie gleich alle auf einmal auszupacken, sollte sich rächen. Kathi völlig übermotiviert, ihren verwegenen Plan in Punkte umzumünzen, haut direkt zwei drüber. Michel, durch seine Mitspielerin offensichtlich extrem angespornt, legt drei dahinter und Kathi dann mit der letzten Karmakugel in Richtung ihres Mitspielers. Alles liegt offen da, hier sind locker 6 Punkte drin. Am Ende macht die Trainingsgruppe "nur" drei und übernimmt die Führung 2:4.

Aufgrund der für die Zuschauer:innen völlig verkorksten Perspektive, vermuten sie in der darauffolgenden Aufnahme mehrmals Michels Kugel als besser gelegen, die Einvernehmlichkeit der beiden Teams auf dem Platz spricht unmissverständlich dagegen. Da Kathi verschießt und dann Michels Kugeln nicht mehr relevant vorantreiben kann, bietet sich gleich die nächste Gelegenheit für die Trainingsgruppler, da über links der Weg noch offen steht. Nach einigem Schießen und Legen sind es am Ende erneut drei Punkte und jetzt mußte man schon ein bißchen um das Karma fürchten. Das sieht nicht gut aus, Michels Körpersprache noch intakt, aber Kathi hat sich scheinbar selbst völlig aus dem Spiel genommen. Sie grübelt, selten ein gutes Zeichen bei diesem Spiel. Paul und sie offenbaren durch ihre kratzigen Stimmen, dass die Spielvorbereitung am Wochenende sehr erfolgreich verlaufen sein muss, Paul kommt allerdings sehr viel besser in den Montag.

Und so wiederholt sich jetzt immer wieder das gleiche Muster: Paul legt wunderbar vor, Kathi verschießt zwei, Michel kann seine zweite besser legen und wehrt sich wirklich aufopfernd, wird dann weggeschossen und am Ende bleibt nur die Frage, wieviele Punkte werden es diesmal. 2:12. 2:13. Das ging dann doch recht schnell.

Die Teams verabreden eine kurze Pause und Kathi ruft in die Einöde nach Kaffee, freilich erfolglos. Hier gibt es nichts ausser den immer gleichen Schlagzeugbeat aus dem angrenzenden Proberaum, ein Beat der dahinplätschert, wie das Spiel des Karmas. Es fehlt einfach ein wenig die Spannung, im klopfenden Rythmus, im Spiel, in den Köpfen. Vielleicht auch ein Anzeichen dafür, dass das Team mit der mit Abstand längsten Anreise diesen Strapazen Tribut zollt.

Kurz erwachen auch die Zuschauenden nochmal, als gleich der erste Schweinchenwurf eine seltene Besonderheit unseres schönen Spiels hervorbringt. Unser ausgebildeter Schiedsrichter Tom übersieht beim Kreis ziehen und anschließenden Schweinchenwurf das einzige Hindernis auf dem ganzen Platz; einen Strommast. So ist kein Wurf ohne Verletzungsrisiko möglich und das Karma kann sich das Geläuf wählen. Fairerweise bleibt zu sagen, dass Tom seinen Fauxpas sofort selbst angezeigt hat und dem vereinzelten Gelächter aus dem sonst so fairen Publikum lächelnd gegenübertreten kann.

Dies alles war natürlich eine Folge der Umstellung, welche die Trainingsgruppe Erfurt wie gewohnt im zweiten Spiel vorgenommen hat. Tom fühlt sich heute im Legen wesentlich wohler und die einzige Frage ist nun, ob Paul schon wach genug für sein zuweilen elitäres, wenn auch nicht immer verfügbares Schießen ist. Die Antwort in der ersten Aufnahme ist ein überdeutliches JA! Fast nach gewohntem Schema ist es irgendwanmn Michel, der eine wunderbar legt, diese nimmt Paul sur place aus dem Spiel. Ein Nackenschlag für das Karma, hatte doch Sekunden vorher auch Kathi endlich ihre Künste in den Kies gezaubert. Da alles weitere vom Karma eher in die Umgegend gelegt wurde, müssen sie den zweiten Satz, der die Wende bringen sollte, mit 0:5 starten. Bravourös, wie Tom und Paul hier gelegt haben.

Ein konstantes Legen nimmt auch in der nächsten Aufnahme das Karma aus der Partie, Paul verhaut seine ersten Beiden klanglos, aber Tom legt in dieser Aufnahme alle Drei exzellent und da Paul ebenfalls mit drei Kugeln spielt und schließlich doch noch was trifft, sind es wieder zwei zum 0:7. Da war mehr drin, aber das Karma bekommt keinen Druck auf den Gegner. Der hat damit leichtes Spiel, macht gleich wieder zwei zum 0:9, wird immer entspannter und durch eine press an der Sau, die nicht geschossen werden konnte, ist es am Ende Paul der perfekt trifft. Die Sau fliegt weit, aber nicht ins Aus, ein Punkt liegt auch schon und es sind noch vier Kugeln auf den Händen. Das war deutlich und die Hoffnung auf ein enges Spiel schwebte mit den letzten Schlägen des Schlagzeuges davon.

Ein Spiel arm an Höhepunkten, aber reich an Erkenntnis. Man muss nicht in die Boulekugel schauen, um zu sehen, wer heftig die Favoritentür dieser Liga eintritt.

Tom, Paul, Michel und Kathi (v.l.n.r.)
Trainingsgruppe Erfurt und Karma: Tom, Paul, Michel und Kathi (v.l.n.r.)

Karma - Trainingsgruppe Erfurt 0:2 - 2:26.